75 Jahre Gemeinschaftshaus

Schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts versammelten sich Christen zusätzlich zum Sonntagsgottesdienst zum gemeinsamen Beten und zum Gespräch über Bibeltexte in verschiedenen Wohnungen, Gaststätten und Mieträumen in Hilbersdorf. Seit dem zweiten Weltkrieg bis 1951 war dafür ein Raum in der Emilienstraße gemietet, der aber sehr kurzfristig durch den staatlich gelenkten Eigentümer gekündigt wurde. Ein neues Quartier wurde in kürzester Zeit nötig. Unterstützung kam durch Architekt Gerlach, der die Planung für das Umsetzen einer ehemaligen Sanitätsbaracke aus der Region Dresden übernahm. Ein Pachtvertrag mit der staatlichen Gebäudeverwaltung, die enteignete Grundstücke von Bürgern anderer Staaten verwaltete, konnte geschlossen werden. So wurde die erste größere Heimstätte für die Gruppe Hilbersdorf der Landeskirchlichen Gemeinschaft Chemnitz in der Hilbersdorfer Straße 27 auf einem Pachtgrundstück von ca. 700 Quadratmetern geschaffen. Auf halbem Weg zwischen dem Eingang an der Straße und der Baracke befand sich an den Kohleplatz im Süden angrenzend ein winziges Holzhäuschen mit Trocken-Toilette und einer Mistgrube. Im Haus gab es zwei eiserne Kohleöfen, die in der kalten Jahreszeit vor jeder Veranstaltung angeheizt werden mussten. Große Freude hatte die Gemeinde an der Bühne, die vor allem für musikalische Darbietungen genutzt wurde.

An den Werktagen fanden regelmäßig Bibel- und Gebetsstunden, Frauenstunden und Männerstunden, Chorübungsstunden und Jugendbibelstunden statt. Die Jugendkreise der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen veranstalteten nicht nur wöchentlich Jugendbibelstunden, sondern boten ähnlich wie die Junge Gemeinde und das Jungmännerwerk in der Ev. Landeskirche während der DDR-Zeit einen Schutzraum, wo junge Menschen ihre Meinung frei äußern und ihre Kreativität frei entfalten konnten. Davon wurde in Hilbersdorf reichlich Gebrauch gemacht. Seit 1990 wird die Jugendarbeit wieder vom Sächsischen Jugendverband Entschieden für Christus (SJV-EC) getragen. Der EC war während des dritten Reichs und in Ostdeutschland auch während der DDR-Zeit verboten, weil er sich nicht von der HJ und auch nicht von der FDJ vereinnahmen ließ. In der BRD und weltweit bestand er aber fort. So war es nur natürlich, dass er im wiedervereinten Deutschland auch in Sachsen sehr schnell wieder gegründet wurde. Die Gemeinschaftsstunden fanden am Sonntag-Nachmittag oder -Abend statt. Am Sonntagvormittag gab es die Sonntagschule für die Kinder. Daraus wurde später die Kinderstunde. Seit einigen Jahren gibt es regelmäßig sonntags 10 Uhr Gottesdienst und zur gleichen Zeit in den getrennten Kinderräumen die Kinderstunde.

1974 wurde die Baracke innen und außen verkleidet, mit neuen Fenstern versehen und ein wenig isoliert. Dadurch verbesserte sich die Wärmeeffizienz des Gebäudes. Mehr Tageslicht dank größerer Fensterflächen und helle warme Farbtöne im Innenraum sorgten jetzt für eine angenehme Atmosphäre.

In den Achtziger-Jahren drängte die junge Generation dann immer mehr auf bessere räumliche Bedingungen in der Baracke, insbesondere auf ein WC. So wurde kurz vor der Wende der gesamte Eingangsbereich umgebaut. Den Löwenanteil leistete dabei Frieder Keller, der damals die Gemeinschaft leitete. Nach dem Umbau gab es einen neuen Jugendraum, ein WC, eine kleine Garderobe und statt der beiden Eisenöfen eine gekachelte Warmluftheizung für die gesamte Baracke, die zunächst noch mit Kohle beheizt wurde. Mitte der Neunziger-Jahre wurde auf Ölheizung umgestellt.

Seit 1990 war auch klar, dass der Pachtvertrag ein großes Risiko für den Fortbestand der Gemeinschaft in der Hilbersdorfer Straße 27 bedeutete. Viele Jahre blieben aber die Bemühungen mit den Eigentümern einen Verhandlungskontakt aufzubauen erfolglos. Im November 2016 kam es dann zu einer ausgesprochen konstruktiven Begegnung mit der Eigentümer-Familie Köncke. Schritte zur Anbahnung des Kaufs ihres Grundstücks durch den Landesverband Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen e. V. konnten vereinbart werden, die dann schließlich 2019 zum Abschluss des Kaufes führten. So wurde das Bleiben am Standort gesichert und die Möglichkeit eines besseren Ersatzbaus eröffnet.

Aktuell werden die Vorüberlegungen für einen Bau-Plan gemacht. Prägend werden die Gestaltungsvorschläge der Generation U50 und die Entwicklung der materiellen Möglichkeiten für einen Neubau in nächster Zukunft sein. Entscheidend wird sein, wie ein Neubau zu einem Zentrum für Menschen werden kann, die ihr Leben nach Gottes Willen ausrichten wollen. Interessant wird sein, wie durch den Neubau neue gegenseitig ergänzende Verbindungen zwischen unterschiedlich geprägten Gemeinden gefördert werden können. Mit diesem Fokus freuen wir uns auf den Neubau, auch wenn wir jetzt noch nicht wissen, wie er aussieht und wie Gott für die notwendige Finanzierung sorgen wird.

Den Festgottesdienst anlässlich des 75jährigen Bestehens unserer Gemeinschaft am Standort Hilbersdorfer Straße 27 wollen wir am 29. März 2026 um 10 Uhr feiern.

Karsten Viertel
Gemeinschaftsleiter der Landeskirchlichen Gemeinschaft Chemnitz-Hilbersdorf